Frauen und Männer gestalten, kaufen und gebrauchen Dinge mit unterschiedlichen Erfahrungen, Interessen und Denkweisen. Worauf Unternehmen immer noch häufig hilflos und banal reagieren, indem alte Klischees wiederholt werden: etwa für Mädchen rosa und niedlich, für Jungen blau und kräftig zu gestalten, was letztlich dazu führt, dass selbst erwachsene Männer und Frauen zu Produkten greifen, die für ihr Geschlecht entworfen wurden. Aber was genau bedeutet das Wort „Gender“ und woher kommt die Überlegung dazu?

Der englische Begriff »Gender« thematisiert die kulturellen und sozialen Interdependenzen von Geschlecht umfassender und präziser. Denn das eindimensionale deutsche »Geschlecht« erlaubt keine Differenzierung zwischen dem biologischen orientierten »Sex« und dem sozial und kulturell konnotierten »Gender«, wie es in der englischen Sprache erscheint, und wie die Genderdiskussion auch in anderen Sprachen mit diesem Begriff geführt wird.

WARUM IST DAS THEMA GENDER IN DER HEUTIGEN ZEIT SO PRÄSENT?

Weil Gender einfach nicht mehr zu leugnen ist!

WIE STEHEN GENDER UND DESIGN IM ZUSAMMENHANG?

Ob es uns gefällt oder nicht, ob es uns bewusst ist oder nicht: Alle Produkte, Zeichen, Dienstleistungen, denen wir – entweder gezwungenermaßen –  täglich konfrontiert sind oder mit denen wir uns – freiwillig – alltäglich umgeben, sprechen zu uns immer auch vergeschlechtlicht.
Im Design ist erst in jüngster Zeit das Problembewusstsein gewachsen, dass die Kategorie Geschlecht erheblichen Einfluss sowohl auf die Form und die Praxis der Gestaltung als auch Auswirkungen auf Nutzen, Gebrauch und Konsum von Design durch Frauen und Männer hat. Wurde den Geschlechtern bisher eher in den Bereichen Marketing und  Marktforschung unter Aspekten von Zielgruppenanalysen Aufmerksamkeit geschenkt, setzt sich nun auch langsam die Einsicht bei Designern, Designerinnen und Unternehmen durch, dass Gestaltung ohne die Reflexion von Geschlecht unvollständig ist.

»Frauen bzw. Designerinnen sind im Kommen«

BIETET DIE BRANCHE DESIGN MÄNNERN UND FRAUEN GLEICH VIEL PLATZ UM FÜHRUNGSPOSITIONEN ZU ERREICHEN?

Frauen bzw. Designerinnen sind zwar  im »Kommen«, aber dennoch gibt es immer noch Probleme, denn Frauen haben sich noch längst nicht proportional in Entscheidungspositionen durchgesetzt. Und davon ist das Design in besonderer Weise betroffen: Es gibt viel weniger Designerinnen als Designer, in spezifischen Bereichen werden sie immer noch nicht akzeptiert, und es existieren gerade im Design noch nicht sehr viele Vorbilder: Wie viele international bekannte Designer kennen wir? Viele. Und wie viele davon sind Frauen: 5,6,7 oder so ähnlich! Ein Dilemma hinsichtlich der Geschlechteregalität, das auch für andere Berufsgruppen gilt, tritt im Design besonders scharf hervor. Denn hier existiert immer noch die Aufsplittung in so genannte Hard- und Soft-Segmente: hier »hartes« Industrie-, Produkt- und Mediendesign, dort Textil-, Schmuck-, Mode-, mittlerweile auch Grafikdesign.

»Pirat oder Prinzessin? Das wird sich zeigen!«
Produktdesignerin Katharina Krämer über Stereotypen und Gender Codes im Design  

»Eine Unternehmerin muss ein bisschen Alpha sein.«
Victoria Chirita von AlphaBambi über Asien, Geschmack und Selbständigkeit

Um zementierte vorurteilsbehaftete Geschlechterkonventionen zu kritisieren, die global vielfältigen gestalterischen Akitivitäten und Forschungen zusammenzuführen und das Thema Gender einer größeren Öffentlichkeit nahezubringen, wird im Rahmen einer internationalen Konferenz zu »Gender Design & Art«am 29.3. das »international Gender Design Network« gegründet, welches an der Parsons The New School for Design in New York zu Gast ist. Konzipiert und organisiert von Prof. Dr. Uta Brandes (Köln International School of Design/FH Köln) und Prof. Simone Douglas (Parsons/NY).

WELCHE NEUEN WEGE ERÖFFNET DIE AUSEINANDERSETZUNG MIT GENDER IM BEREICH GESTALTUNG?

Im Design ist erst in jüngster Zeit das Problembewusstsein gewachsen, dass die Kategorie Geschlecht erheblichen Einfluss sowohl auf die Form und die Praxis der Gestaltung als auch Auswirkungen auf Nutzen, Gebrauch und Konsum von Design durch Frauen und Männer hat. Sowohl gestalten – bewusst oder unbewusst – Designprofessionelle als sozial und kulturell geprägte Geschlechtswesen, als auch finden in der Nutzung von Design alltäglich vergeschlechtlichte Handlungs- und Verhaltensweisen statt, drücken sich Projektionen und Wünsche immer auch geschlechtlich konnotiert aus. Solche zum Teil verdeckten oder negierten Phänomene des »Gendering« werden unter dieser Perspektive systematisch aufgezeigt und deren Auswirkungen auf das Design ergründet, um sie zu einem selbstverständlichen Bestandteil jeglicher Designforschung und -praxis zu machen.

»Designerinnen und Designer können nicht so leicht aus ihrer Haut. «

Und was erhoffen sie sich davon oder was kann solch eine Auseinandersetzung in der Gestaltung für Auswirkungen haben? 

Designerinnen und Designer können nicht so leicht »aus ihrer Haut«. Studien zeigen, dass Designprofis durchaus – bewusst oder unbewusst – ihr »Geschlecht« in ihrem Design transportieren. Wir sollten uns dieser gesellschaftlichen Vergeschlechtlichung (auch) im Design nicht nur bewusst sein, sondern diese kritisch, offen und öffentlich kommentieren; und damit eine Veränderung hin zur Anerkennung und Förderung von Diversity, gendersensiblem und geschlechtergerechtem Design theoretisch und praktisch anstreben. Inwiefern sollten Designer Ihrer Ansicht nach das Thema »Gender« im Designprozesses beispielsweise eines Produktes mit einfließen lassen? Unternehmen bedürfen der Innovation, und sie sind gut beraten, die Kompetenzen der Designerinnen und Designforscherinnen zu nutzen. Das Konzept eines gendersensiblen, multidisziplinären Ansatzes in der Designausbildung und vor allem in der professionellen Designpraxis muss das Geschlecht der Menschen als Gestaltende und Nutzende und die Geschlechtersprache der Objekte sowie deren beider Interaktion einschließen

SIND FRAUEN ODER MÄNNER DIE BESSEREN DESIGNER?

Falsche Fragestellung: Es geht bei allen Geschlechtern darum, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Sensibilität für die Tatsache der Vergeschlechtlichung auf allen Seiten – der Produzierenden wie der Rezipierenden –  zu entwickeln; sich also bewusst zu sein, dass das, was gestaltet wird, Geschlecht als wichtige Kategorie einbezieht (genauso selbstverständlich, wie auch Ökologie, Materialität, Ökonomie etc. bedacht sein wollen).

DAS WERK »DU TARZAN ICH JANE« SETZT SICH OFFENSIV MIT GEGENÜBERSTELLUNGEN ZAHLREICHER GEGENDERTEN PRODUKTEN AUSEINANDER. GREIFEN SIE AUCH EHER ZU PRODUKTEN FÜR DIE FRAU?

Auch meine Studien zum Kauf- und Gebrauchsverhalten zeigen solches. Es gibt ein interessantes und ziemlich kompliziertes Phänomen bei – insbesondere jüngeren – Frauen: Die wollen eindeutig nicht, dass Produkte, Services etc. explizit darauf verweisen: dieses Produkt, Service etc. haben wir extra für dich als Frau gestaltet. In diesem Fall ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass sie es nicht haben wollen. Dennoch aber sind ihre Wünsche und Bedürfnisse und Beweggründe häufig andere als die der Männer. Kurz: Frauen wollen andere Features – aber ohne deutlichen Hinweis darauf. Was mich selbst betrifft: Ich bin mir bei Entscheidungen des »Gendering« sehr bewusst. Und, klar, ich kaufe etwa Lady Shaver, obwohl ich die in der Gestaltung und im Naming völlig bekloppt finde (und ich ebenso gut einen männlichen kaufen könnte): Gewohnheit und wahrscheinlich ein unbewusster Aberglaube, dass diese albernen »Venus Divine« – oder wie sie auch heißen mögen – denn doch sanfter zu meinen Beinen sein werden als »Mach 3 Turbo«.
Allerdings greife ich nie zu pinken Produkten: mindestens müssen sie (wenn schon Pastellfarbe, das sind sie nämlich alle) türkis etc. sein. Bei Düften hingegen kaufe ich gern jene, die als »männlich« gelten. Yoga mache ich nicht, ich bin keine Vegetarierin, trinke gern Wein, gehe spät ins Bett, arbeite am liebsten nachts, habe statt Hobbies lieber Diskussionen über neue Projekte mit meinen Freundinnen und Freunden…im Hotel jedoch verhalte ich mich (wie meine Hotelstudie: »Frauenzimmer« zeigt) typisch weiblich: Ich will mehr Ablage, vertrauenswürdigen Service, wechsele häufiger das Zimmer. Ich bin widersprüchlich.

»Es gibt nun mal zwei Geschlechter und darüber sind wir sehr froh.«
Du Tarzan Ich Jane – Gender Codes im Design

BEIM PRODUKTKAUF WOLLEN MÄNNER UND FRAUEN ALS UNTERSCHIEDLICHE GESCHLECHTER WAHRGENOMMEN WERDEN, WIESO IST DAS IM BERUF ANDERS?

Frauen und Männer üben in vielen Fällen immer noch unterschiedliche Tätigkeiten aus – je nachdem, was in der gesellschaftlichen  Konstruktion als »weibliche« oder »männliche« Fähigkeit erachtet wird. Deshalb mag zwar die Frau in einem Unternehmen PR-Chefin, kaum aber Marketing-Chefin sein. Ärgerlich deshalb, weil Jobs, die »männlich« konnotiert sind bzw. die überwiegend von Männern besetzt sind, gesellschaftlich höher angesiedelt und besser bezahlt sind. Und deshalb ist der männliche Marketing-Boss allemal noch wichtiger als die weibliche Kommunikationschefin.

IN DER MODE WIRD UNISEX ALS THEMA IM TEXTIL IMMER BEDEUTENDER. WARUM TRÄGT DIE FRAU VON HEUTE SCHON LANGE HOSE, DER MANN JEDOCH KEINEN ROCK?

Unisex gibt es nicht, so meine These.
Die Hosen-Frau steckt aber immer noch in einer weiblichen Hose – und das nicht nur wegen des Körperbaus. Insofern tragen Frauen auch in Hosen nicht das gleiche wie Männer. Andererseits haben sich Frauen in den letzten ca. 40 Jahren sehr viel starker verändert als Männer: Sie sind selbstbewusster und anspruchsvoller geworden; Männer sind da noch ein wenig zurückgeblieben. Womöglich auch deshalb wird ein Rock tragender Mann assoziiert  mit Schwäche, den Rock steht seit Jahrhunderten für das »schwache Geschlecht«; Abwertung pur.

»Produkte sind nie geschlechtsneutral.«

Die Hosen-Frau steckt aber immer noch in einer weiblichen Hose – und das nicht nur wegen des Körperbaus. Insofern tragen Frauen auch in Hosen nicht das gleiche wie Männer. Andererseits haben sich Frauen in den letzten ca. 40 Jahren sehr viel starker verändert als Männer: Sie sind selbstbewusster und anspruchsvoller geworden; Männer sind da noch ein wenig zurückgeblieben. Womöglich auch deshalb wird ein Rock tragender Mann assoziiert  mit Schwäche, den Rock steht seit Jahrhunderten für das »schwache Geschlecht«; Abwertung pur.

»Dann nehm wa den Großen.«
Ein Mann und sehr viel Haarspray

»Der Mann hängt immer noch in seiner Hose.«
Gedanken die in einem Stück Stoff stecken