Warum brauchen Designer eigentlich so viele Awards?

Kommentar von Peter Rudolph

(4. Semester Kommunikationsdesign, HTW Berlin)

Keine andere Branche – so hat man zumindest das Gefühl – hat für sich selbst eine solche Fülle an unterschiedlichen und angesehenen Wettbewerben geschaffen wie die Designwelt. Wie kommt es, dass wir offenbar das Bedürfnis haben, uns oder unsere Arbeiten möglichst oft mit anderen zu messen? Reicht es nicht, seine Arbeit gut und den Auftraggeber (oder den Dozenten, oder sich selbst) glücklich zu machen? Reicht es nicht, wenn befreundete Gestalter positives Feedback geben?

Offenbar nein, denn sonst wäre der Zulauf bei den Designwettbewerben, die ja in den meisten Fällen auch nicht gerade billig sind, nicht derart groß. Am überdurchschnittlich stark ausgeprägten Kampfgeist und Konkurrenzdenken kann es wohl auch nicht liegen, denn die Designwelt gilt ja an sich als eher kollegial und friedlich. Lieber tun wir uns mit anderen zusammen, als dass wir uns in aggressiver Einzelkämpfermanier gegen die Konkurrenz wenden. Ohnehin ist Konkurrenz ein eher verdrängtes Phänomen der Designwelt. Es gibt sie, klar, aber viel lieber ist uns doch die Vorstellung der kuschlig-heilen Designcommunity, in der sich jeder gegenseitig unterstützt und inspiriert und in der niemand niemandem etwas Böses will.

Was also bringt uns trotz relativ geringer Gewinnchancen dazu, viel Geld für die Teilnahme an Awards zu zahlen? Was geben die uns, was uns die tägliche Zusammenarbeit mit Kommilitonen, Kollegen oder Kunden nicht geben kann?

Mutmaßlich ist es Anerkennung. Wir wünschen uns, dass uns jemand sagt: Ja, da hast du gute Arbeit geleistet. Ja, das ist gutes Design. Aber warum muss das eine Jury tun? Warum reicht es nicht, wenn der Auftraggeber begeistert ist, wenn Kollegen uns loben, wenn Dozenten uns eine gute Note geben? Weil es offenbar einen großen Unterschied macht, wer Design bewertet.

»Der König zu sein, ist schwer«
über Selbstvertrauen und Preisverleihungen

Mutti findet ohnehin immer alles toll. Freunde und Familie auch. Auftraggeber finden entweder alles großartig oder alles scheiße, eine gestalterisch fundierte Meinung braucht man aber auch hier nicht zu erwarten. Gestalterkollegen traut man schon ein realistischeres Urteil zu, aus falscher Höflichkeit wird dieses aber nur selten wirklich offen und ehrlich kommuniziert.

Was uns Designern also offenbar fehlt, ist eine objektive und unvoreingenommene Beurteilung unserer Arbeiten. Einer Awardjury – zumal wenn sie mit reichlich Designprominenz bestückt ist – traut man dieses Urteil wohl am ehesten zu. Da stellen auch teils horrende Teilnahmegebühren und undurchsichtige Auswahlprozesse kein ernstzunehmendes Hindernis mehr dar.

Ist das nicht traurig? Heißt das nicht, dass Design nur von einer kleinen elitären Gruppe wirklich verstanden und bewertet werden kann? Dass wir unserem regulären Umfeld gar kein fundiertes Urteil über unsere Arbeit zutrauen? Sollte Design nicht eigentlich anders – mehrheitstauglicher, demokratischer (oder, um mit der Zeit zu gehen: universal –  funktionieren?

Universal Design?
Prof. Katrin Hinz erläutert.

Neben der (vermeintlich?) realistischen Einordnung durch ein (vermeintlich?) unvoreingenommenes und fundiertes Urteil einer Jury spielt möglicherweise noch ein weiterer Punkt eine Rolle: Die böse Formulierung wäre Egozentrik und Geltungsdrang (und, in der Konsequenz: Geldgier), die etwas weniger böse: Anerkennung, Ruhm und Ehre.

Denn genau das ist eine große Eigenheit unserer Branche: Es gibt, bis auf eine sehr kleine Spitze irgendwo ganz weit oben, kaum bekannte Namen. Wem würden spontan fünf der erfolgreichsten Illustratoren weltweit einfallen? Welcher kreative Kopf steckt hinter den famosen Hornbach-Spots? Wer hat nochmal das Apple-Logo entworfen? Und die Schrift der Deutschen Bahn, die selbst typografische Laien instinktiv wiedererkennen?

Selbst gestandene Designer tun sich schwer, Namen zu nennen. Die Designwelt zelebriert das krasse Gegenteil eines Personenkults – zumindest im Kommunikationsdesign. In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es scheinbar nur Kunden, ihre Marken, ihre Botschaften – auf der anderen Seite jedoch steht meist nur ein schwammiges, undefiniertes Etwas. Agentur XY bekommt man zu hören, wenn man nach den Schaffern einer Designleistung fragt, Einzelpersonen spielen hingegen kaum eine Rolle.

Der Öffentlichkeit kann man all das nicht vorwerfen – woher soll der Kunde im Supermarkt denn wissen,wer die neue Lebkuchenverpackung so schön (und zudem ressourcen-sparend und auch für Oma Hilde lesbar!) gestaltet hat? Steht ja schließlich nirgends drauf.

Andere Branchen sind da deutlich personenfixierter. Die gesamte Modedesignwelt ist ein einziger großer Personenkult. Nur mühsam schaffen es Designer, die Aufmerksamkeit weg vom Namen des Designers und hin zur Klamotte zu lenken. Auch die Fotografenwelt lebt von großen Namen (auch wenn die wirklich erfolgreichen eher im Hintergrund werkeln). Kunst, Literatur, Film: Fast immer geht es um Personen, die etwas geschaffen haben. Ob man diesen Personenkult nun gut oder schlecht findet – der Wunsch nach öffentlicher Wahrnehmung und Anerkennung der eigenen Arbeit und der eigenen Person (was ja oft untrennbar zusammenhängt) ist bei einem Großteil der Designer vorhanden – und will erfüllt werden. Und da scheinen Awards oftmals eine probate Lösung zu sein – obwohl es kein Geheimnis ist, dass viele Awards und ihre Auswahlkriterien (und auch von den Designern selbst) durchaus auch kritisch gesehen werden.

Irgendwie traurig.

Kann es nicht anders gehen? Kann es nicht einen Weg geben, sowohl fundiertes fachliches Feedback als auch die verdiente Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen, ohne eine Jury dafür zu bezahlen? Sollte das nicht gerade mit all diesen wundervollen »neuen Medien« ein Kinderspiel sein?

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