Gregor Weichbrodt studiert im 5. Semester Kommunikationsdesign an der HTW Berlin. Dieser Artikel entstand im Rahmen des »Text« Kurses bei Birgit S. Bauer im 5. Semester.

Startup

Ein dreistöckiges Fabrikgebäude. Immer mehr Leute betreten nacheinander den Eingang. Ein offenes Treppenhaus, eine Eisenstange als Geländer. Der Aufgang ist mit Teelichtern dekoriert. Die Wände sind aus Backstein, rustikal, ungeputzt. Es ist kalt.

An der Tür empfängt Heidi, Vertrieb. Blond, munter, jung, spärlich bekleidet und tiefer Ausschnitt. Die Engelsflügel auf ihrem Rücken geben ihr den nötigen Halt. Sie beugt sich nach vorne, nach hinten und verdreht ihren Kopf zu unterschiedlichen Gesten der Begrüßung. Hallo. Herzlich willkommen.

Zweite Etage, dritte Etage voll. Die Belegschaft steht vor verschlossenen Türen. Smalltalks werden gehalten, Gruppenfotos geschossen. Man grüßt die Etagen rauf und runter. Die Stimmung ist heiter, mitgebrachtes Bier wird geöffnet und getrunken – Vorglühen.

Eine Viertelstunde vergeht. Die Mehrheit wird ungeduldig. Klopft aufs Geländer, klatscht in die Hände oder ruft sich Parolen zu. Ein Teelichtglas fällt den Aufgang hinab und zerschellt zwischen den Etagen. Die Stimmung ist angespannt.

Einige von ihnen sind seit der Gründung des Startups vor fünf Jahren dabei. Herausgeputzt stehen sie da und warten auf den Einlass. Die Erwartungen sind groß, die Bäuche leer. Auf einmal Applaus.

Die Tür im dritten Obergeschoss wird geöffnet. Jeder schreibt seinen Namen auf ein Post-it. Gewinnspiel, Wunderkerzen werden angezündet. Wieder Frauen mit Engelsflügeln. Sekt für alle.

In dem riesigen Saal hinter der Tür überdecken weiße Laken das Mauerwerk der Wände. Rote, grüne, blaue Farbverläufe. Seminar-Tische mit weißen Tischdecken. Darauf Tischgedecke: Teller, Besteck, Gläser, Faltservietten, Kerzen. Seminarstühle. Geradeaus eine Bühne, der Vorhang verschlossen.

Die Menge ergießt sich in den Saal, schiebt sich durch die Tischreihen, bis sie zu zähflüssiger Masse stagniert. Ausschau halten nach Zugehörigen. Warten, bis der Saal gefüllt ist. Dann: hinsetzen. Stille. Der Vorhang geht auf, der Beamer an.

»Geil, dass ihr alle da seid!«

Die drei Firmenchefs betreten die Bühne. Im Hintergrund das Firmenlogo. Jubel. Applaus. Der neue TV-Spot wird zum Besten gegeben. Firmengeschichte. Eigenlob.

Das Publikum sitzt andächtig vor der Bühne, als starre es auf einen Fernseher, würde aus dieser Richtung jeden Moment direkte Anweisungen erhalten. Jeder an seinem Platz.

Der Vortrag straff gegliedert. Jahresbilanz. Ein Punkt, ein Satz, eine Zahl. Das Publikum fängt an zu toben, steht auf, reißt die Arme in die Höhe, jubelt, kreischt, klatscht hysterisch in die Hände. Ein Punkt, ein Satz, eine Zahl. Zweieinhalb, drei, vier, fünf Millionen. Wie sehen fünf Millionen Sektgläser aus? Wie lange braucht man, um sie alle auszutrinken? Ein Punkt, ein Satz, eine Zahl und das Publikum tobt. Neukunden, Gewinn, Absatz, Bewerbungen, Neueinstellungen, abgewehrte Abmahnungen. Traffic, eMail-Verkehr, Besucherzahlen. Punkt, Satz, Sieg – La-Ola-Welle durch den Saal. Zehn Kellner ziehen synchron zehn dampfende Servierglocken in die Höhe. Das Buffet ist eröffnet. Ran ans Gedeck. Größter gemeinsamer Nenner: Teller, Teller, Teller. Hundert Hände tragen Geschirr durch die Gegend. Trampelpfade. Hundert Hände führen die Gabeln in die Münder. Kollektives Schmatzen. Kauen. Schnaufen, schlucken, großes Verdauen. Die Bar ist eröffnet. Ein Grunzen geht durch die Reihen. Geräusche von Stühlen, die beiseite rücken. Die Menge organisiert sich ein zweites Mal, versammelt sich um den Ausschank. Nicht alle auf einmal. Namen von Spirituosen mischen sich mit Namen von Mitarbeitern. Wiedererkennen. Menschen klopfen sich auf die Schultern und pflichten sich bei.

Musik an, Stühle beiseite. Speise- zu Tanzsaal. Inseln aus Imbisstischen mit Kreisen aus Kümmerling, Feigling und Jägermeister.

Zeit für Karaoke. Menschen blättern durch Songlisten in Klarsichthüllen. Und ziehen sich an den Händen gegenseitig auf die Bühne. Der gelbe Punkt springt von Wort zu Wort. Lesen, singen, hören. Kopfschütteln, Durchschütteln, austrinken, anstoßen.

Dirk, Public Relations, auf der Bühne, hebt den Zeigefinger in die Höhe und lässt ihn im Takt feierlich auf und abfedern. Den Kopf nach unten gebeugt, den Arm in die Höhe. Als hätte er etwas wichtiges anzumerken. Als würde er einen Punkt machen wollen. Und als würde ihm diese Geste erlauben, den weiteren Verlauf der Musik zu beeinflussen. Und plötzlich wippende Zeigefinger überall. Hundert Zeigefinger zeigen hundert Zeigefingern den Zeigefinger. Hundert Daumen zeigen hundert Daumen, dass ihnen das gefällt.

Weiter hinten macht ein Student ein Foto. Er will berichten, was sich hier abspielt. Ein kurzes Aufblitzen und für einen Moment rückt die Kulisse in ein anderes Licht: die Rücken von hundert weiß gekleideten Leuten. Rundherum ist alles schwarz. Leuchtende Silhouetten. Eine Invasion von Ärzten oder in Ganzkörperanzügen aus dem Baumarkt gekleidete Handwerker, nachts im Wald. Facebook-Journalismus. Der Student schreibt: »Geil!«

Lichtgewitter. Ein Weinglas kippt um, jemand bekommt eine gefeuert. Auf der Bühne singt Marcel, Business Analytics, »Let me entertain you« von Robbie Williams. Schnapsflaschendeckel überall. Eine Kellnerin ersetzt Leergut durch Nachschub. Mit der Hand auf den Bauch gepresst lässt Marcel das Mikrofon fallen und eilt zur Tür hinaus. Schmerz-verzerrtes Gesicht. Durch das Treppenhaus, durch den Rauch, vorbei an Kippen zwischen Fingern, an Mündern, in Sektgläsern und überfüllten Aschenbechern. Zu den Herrentoiletten, wo vier Mitarbeiter zu der Musik aus einem Smartphone tanzen. Im Saal werden die Schuhe ausgezogen. Jemand dreht eine Pirouette. Bierspritzer auf Abendkleidern. Ausschnitte von Beinen, Oberkörpern, Oberarmen. Der gelbe Punkt auf der Leinwand sucht immer noch seinen Takt. You gotta get high before you taste the lows. Und genau in diesem Moment geht das Licht an.

Die Musik ist aus. Der Saal hell erleuchtet. Auf der Bühne steht Marcel. In der einen Hand hält er einen neuen Becher. In der Anderen das Mikrofon.

»Leute, ich bin jetzt schon seit einem Jahr dabei und ich muss sagen, dass die Firma der geilste Ort in meinem Leben ist! Und dass ihr die geilsten Leute in meinem Leben seid!«

Gregor Weichbrodt

Foto: Grischa Stanjek

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