Eckhard Berchner studiert im 5. Semester Kommunikationsdesign an der HTW Berlin. Dieser Artikel entstand im Rahmen des “Text” Kurses bei Birgit S. Bauer im 5. Semester.

Schwanzmuschi!

Könnte eine Beleidigung der heutigen Jugend sein. Beleidigt wird ein männlicher Jugendlicher, den sie nicht in die Schublade »Mann« stecken können. Dabei hantieren gerade sie, die sich durch diese Diskriminierung als »wahre Männer« in Szene setzen wollen, oft sehr geschickt mit Rasierern und Kosmetika. Verwirrung! Ab wann ist männlich dann überhaupt männlich und vor allem, ab wann ist man bitte eine Schwanzmuschi?

Ein Artikel über die unterschiedlichen Aspekte der modernen, westeuropäischen Männlichkeit aus der Sicht eines relativ durchschnittlichen Mannes.

iGender

Unbewusst stellte ich schon im Alter von 3 Jahren die damaligen Rollenbilder auf die Probe und borgte mir bei meiner Schwester einen Rock, zog ihn an und wollte auf den Spielplatz gehen. Meine Mutter fand das eher amüsant als befremdlich und ließ mich gehen. Ob ich mit dieser Kleidung auf einem ostdeutschen Spielplatz um 1986 Aufsehen erregt habe, weiß ich nicht mehr – meiner Zeit war ich damit allemal voraus. Einem Freund von mir ist im selben Alter Mitte der 80er etwas Ähnliches passiert. In seinem Kindergarten gab es zu dieser Zeit den »Tag des Lieblingsspielzeuges«. Seine Eltern allerdings fanden es allerdings bedenklich, ihn als Jungen mit Puppenwagen und Puppe in den Kindergarten gehen zu lassen. Mit einer komplizierten Argumentationskette wurde er dazu überredet, etwas anderes mitzunehmen.

Bruummm

Das ist nun Jahre her und trotzdem scheint sich das Bild eines Mannes in der Gesellschaft, nicht viel weiter bewegt zu haben. Aktiv, aggressiv, promiskuitiv –  Leistungsträger, Technikverliebt, Besserwisser sind die Klischees die oft mit ihm in Verbindung gebracht werden.

Die Emanzipation der Frauen in Gesellschaft und Politik hat sogar das Bild eines durch seine Männlichkeit unterdrücktes und benachteiligtes Wesen aufkommen lassen. In wenigen, vor allem familienpolitischen Bereichen mag dies auch stimmen – aber im Großen und Ganzen verteidigt der Mann von heute sein Revier recht ordentlich. Probleme mit der emanzipierten Frau hat er jedoch trotzdem und wenn er kein Problem hat, dann ist er wenigstens verunsichert.

Die Maschine Mann beginnt zu stottern und ist die Maschine kaputt muss man sie reparieren. Um sie reparieren zu können muss man sie verstehen. Wie also funktioniert der Mann? Oben sind der Denkapparat und Tanköffnung? Zwischen den Beinen das Zentrum der Gefühle und der Rest läuft halt einfach?

Um ein genaueres Bild von der Männlichkeit zu bekommen, fragte ich die, die sich damit auskennen. Ein Weg wäre, Frauen zu fragen. Wenn man Glück hat, bekommt man dann klare Anweisungen, wie man sich gegenüber dem weiblichen Geschlecht zu verhalten hat. Mir geht es jedoch um mehr. Wie steht es um die »Männlichkeit« im Verhältnis zu anderen, vielleicht sogar als „unmännlich“ angesehenen Bedürfnissen und Wünschen?

QueerulantIn

Vielleicht kann mir Nina Queer sagen, was Männlichkeit ist. Sie ist eine der populärsten Drag-Queens in Berlin und hat durch das Kokettieren mit den Geschlechterrollen vielleicht genügend Abstand zum eigenen Geschlecht um klar zu sehen. Ich treffe sie in ihrer ‚Bar zum schmutzigen Hobby‛ beim Public-Viewing vom ‚Dschungelcamp‛. Bei der After-Show-Party, mit ohrenbetäubendem Euro-Dance als Begleitmusik, brülle ich ihr meine Fragen an der Bar ins Gesicht.
»Männer sind heute eigentlich noch immer primitiv-intellektuelle Neandertaler.« antwortet sie. »Männlichkeit hat noch viel Prolliges.« Interessant, sie beschreibt eine klischeehafte Figur. In ihren vulgären Kommentaren zum ‚Dschungelcamp‛ verkörpert sie das Klischee des Prolls in Perfektion. Kein Penis-, Schlampen- oder Sexwitz ist ihr zu schade. Ist Sie also um keinen Deut besser, als so mancher Hinterhofproll? „Mein Kostüm erlaubt mir alles zu sagen, was ich will.“ erklärt die gebürtige Österreicherin, »Keiner kann mich kritisieren, ansonsten kommt sofort die Transvestie- und Homosexuellenszene mit der Homophobie-Keule. Als Ikone dieser Szene bin ich quasi unantastbar.« Diese Antwort habe ich am allerwenigsten erwartet. Travestie als cleveres Werkzeug der Meinungsäußerung? Gar eine moderne Narrenkappe und ein Mittel um das Klischee Mann zu leben?

Papa für Alle

Da, wo Frau Queer nur das biertrinkende, triebgesteuerte Tier sieht, hält das Männerbild von Jan dagegen. Er ist mittlerweile im „besten Alter“ arbeitet als Psychotherapeut für Kinder, hat einen Sohn und ist schwul. Ungewöhnliche Fakten. Welches Bild vom Mann bringt er seinen Klienten nahe?
»Für meine Klienten bin ich ersatzweise eine Vaterfigur. Schon deshalb muss diese Figur positiv sein.« erläutert Jan. Er arbeitet mit Werten, die traditionell mit Mutter und Vater verknüpft sind. »Der Mann ist der nach außen in die Welt tretende und in die Zukunft blickende. Die Frau erhält dagegen die Tradition und die Vergangenheit.« schildert er, »Männer stellen Anforderungen an sich und andere, treffen Entscheidungen und ermutigen. Die Frau steht für das nach innen gekehrte, für Geborgenheit, das Bewahrende und Umsorgende.«

Immer diese Gegensätze! Jan durchbricht das Klischee eines Mannes allein durch seinen Lebenslauf mühelos und vermittelt dennoch solch althergebrachten Rollenbilder?

»So lange die Gesellschaft sich zum größten Teil an solchen Bildern orientiert ist es sogar sinnvoll sie professionell einzusetzen.« erwidert er. Jan sorgt dafür, dass seine Klienten ihre Probleme lösen können – mit ihm persönlich hat das wenig zu tun. Mir wurde auch immer gesagt: ‚Kenne die Regeln, bevor du sie brichst.‛ Jan macht nichts anderes.

Stilwechsel

Regeln gibt es viele. Die wie man Frauen erobert kannte Markus bis 2007 nicht. »Es war Glück, wenn ich zweimal im Jahr Sex hatte. Ich war frustriert und hatte das Gefühl das ich eigentlich nichts tun kann.«, erinnert er sich. Das bekannte Gefühl des Mauerblümchens. Zu dieser Zeit findet er für sich im Internet Abhilfe: »Ich war nicht mehr allein. Ich fühlte mich verstanden. Mir wurden Konzepte aufgezeigt die sich mit meinen Problemen befassten.« Er tritt der »Seduction Community« bei und wird »Pick-Up-Artist«. Er lernt wie man mit psychologischen Tricks und Methodik das andere Geschlecht versteht und verführt. Die Community ist jedoch umstritten. Sie ist eine Subkultur die Frauen als Objekte betrachtet und das Klischee des promiskuitiven Mannes feiert. Eroberung als Wettbewerb.

»Der Respekt für Menschen geht schnell verloren. Ein Grund warum ich ‚Pick-Up‛ nicht mehr betreibe.« erklärt Markus. Der heute 32-jährige Programmierer hat jedoch nicht nur Verachtung für sein altes Hobby übrig: »Die Angst abgewiesen zu werden hat mich früher regelmäßig verkrampfen lassen. Ich bin lockerer geworden. Ein ‚Nein‛ ist nun einfach ein Teil des Spiels.«

4 für 1 oder die Mär des eindeutigen Geschlechts

Für Lukas sind solche Methoden eindimensional und stereotyp. Der 29-jährige weiß nach mehreren Jahren gequält-angepasstem Rollenverhalten genau wovon er spricht. »Ich stand an der Autobahnbrücke und dachte mir: ‚So geht es nicht weiter.‛ Ich begriff, dass ich schwul war. Kurz darauf, dass ich ein Mann bin.«
Verwirrt? Lukas war letztes Jahr noch eine Frau und körperlich ist er sogar immer noch eine. Ein Transident von Frau zu Mann. Nicht verwechseln! Er befindet sich nicht im Übergang. Er ist, salopp gesprochen, der Übergang selbst. Lukas erklärt es mir anhand eines Schaubildes. »Deine Sexualität baut sich aus vier Bereichen auf. Erstens, deine eigene sexuelle Identität, so wie du dich selbst siehst. Der zweite Bereich ist dein Ausdruck: Wie kleidest du dich, welches Verhalten und welche Rolle nimmst du ein? Der dritte Bereich ist dein tatsächliches biologisches Geschlecht und der Vierte, worauf du sexuell stehst. Diese Variablen können bei jedem ganz verschieden sein.«

Das was man im Schritt hat, hat demnach nur marginal mit dem zu tun wer und wie man ist und sich zu verhalten hat. Lukas’ Umfeld hingegen machte ihm deutlich klar, was von ihm erwartet wurde. »Eine Freundin sagte, dass ich jetzt aber bitte kein Macho werden soll. Ich dachte zuerst: ‚Boa, was für ein Männerbild hast du denn?‛ Dann: ‚Wie kommst du darauf, dass ausgerechnet ICH ein Macho werden könnte?‛ Und dann: ‚Eh, jetzt reichts! Wenn ich ein Macho sein will, dann ist das meine Entscheidung und nicht deine!«

Lukas studiert Videos von anderen Transmännern auf Youtube »Die erklären, wie man sich anzieht, geht, spricht und verhält. Mit YouTube kann man alles lernen.« Lernen sich wie ein Mann zu verhalten hat seine Tücken:»Wenn ich total breitbeinig gehe, finde ich das selber albern. Ich muss also herausfinden, bei welchem Winkel ich mich auch wohl fühle. Es gibt auch den Tip, dass man weniger lachen soll. Da scheiß ich aber drauf.« Auf ein rein männliches Verhalten will er sich nicht festlegen und zitiert einen transmännlichen Pornostar: »Gender is fluid, identity is fluid, sexuality is fluid.«

Der Mann, die Pussy

Unsicherheit angesichts fließender Geschlechtergrenzen verspüren viele, vor allem junge Männer von heute. Peter Thiel aus Berlin, seines Zeichens Männerberater und Autor des Buches »Der verletze Mann«, hat das Problem schon vor langer Zeit erkannt. Eine diffuse und nie offen untersuchte »Feminismus-Wolke«, mit der junge Männer aufgewachsen sind, hat seiner Meinung nach ihren Teil zu dieser Unsicherheit beigetragen. Der 51-jährige plädiert für eine »männliche Emanzipation«. Dabei sei es eigentlich ganz einfach. »Die Frau ist nur die Hälfte des Problems. Der Mann steht sich vor allen Dingen selbst im Weg. Eigentlich darf er alles sein, was er will – er muss sich nur erst von sich selbst befreien.« Der Mann steht emotional da wie ein Dinosaurier. »Das psychologisch-komplexe Konstrukt eines Übervaters, übersteigerte Leistungserwartungen und das Herunterspielen der eigenen Verletzlichkeit.« Das alles sind Hindernisse auf dem Weg zur befreiten Männlichkeit »Rollenbilder übernehmen Männer einfach, ohne dabei jegliches Glück zu empfinden. Nur damit das Bild in der Gesellschaft gewahrt bleibt. Zum Beispiel will der Mann immer noch die Rolle des Ernährers übernehmen.«

Peter Thiel weiß wovon er spricht. Bereits vor 15 Jahren etablierte er sich als Männerberater und hat somit viel Erfahrung mit der Seele des Mannes. »Natürlich gibt es zwischen den Geschlechtern Unterschiede.« erklärt er. »Schwanz, Vagina, Prostata, Bindegewebe und Brust. – Die Verhaltensweisen, die in den Köpfen existieren, sind jedoch eine soziale Konstruktion. Erbaut in der Kindheit und Jugend« – Ja, auch deiner und meiner!

Das Geheimnis der Schwanzmuschi

Es passiert bewusst. Es passiert unbewusst. Das Geschlecht wird zum Werkzeug. Typisches Rollenverhalten setzt ein. Reaktionen werden provoziert und oftmals erhält man eine ebenso geschlechtertypische Antwort. Weicht dieser zwischenmenschliche »Code« von der Normierung ab oder wird falsch »decodiert« sind Missverständnisse zwischen den Geschlechtern unvermeidlich. Stereotype Vorurteile sind vorprogrammiert.

Es ist kein Expertenwissen mehr – Unterschiede zwischen zwei Frauen oder zwei Männern können größer sein, als zwischen den Geschlechtern. Das ist beruhigend, denn das heißt, dass sich »männliches« bzw. »weibliches« Verhalten in »menschliches« Verhalten auflösen.

Der brustrasierte und augenbrauengezupfte männliche Jugendliche hat also ehemals »weibliches« Verhalten schon längst in seine »Männlichkeit« integriert. Die »Schwanzmuschi« ist demnach auch nur eine Vorstellung von dem, was er gerne beleidigen würde – in Wahrheit gibt es sie nicht.

Eckhard Berchner

Vielen herzlichen Dank an meine Interviewpartner Peter Thiel (www.maennerberatung.de), Nina Queer (www.ninaqueer.com), Lukas, Markus (Name vom Autor geändert) und Jan.

»Weil Gender einfach nicht mehr zu leugnen ist!«
Interview mit der deutschen Design-Expertin Uta Brandes

»Pirat oder Prinzessin? Das wird sich zeigen!«
Produktdesignerin Katharina Krämer über Stereotypen und Gender Codes im Design