Träge gleitet die Landschaft vorüber. Die Autobahn ist schnurgerade und frei von Autos.

Eigentlich könnte ich die Hände vom Lenkrad nehmen, aber ich darf nicht, Sanne kriegt dann ein angespanntes Gesicht und hält sich am Handgriff fest, als würde sie jeden Moment
hinausspringen.

Komisch, was man alles tut, ohne dass es was bringt – die Hände auf dem Lenkrad liegen haben, sich festhalten, obwohl gar nichts ist, fasten, nicht fasten, kein Fett essen, doch Fett essen, bei grün gehen, grün wählen – alles irgendwie.

Ich greife nach dem Radio und schalte ein. Das Radio ist am Anfang immer 5 Minuten ganz furchtbar laut, wenn man es dann leise drehen will, wird es, wie zur Strafe, noch lauter.

Erst nach dieser Zeit kann man es behutsam so einstellen, wie man es gern hätte. Ein Mann schreit uns an, eine Info-Reportage oder so was, Deutschlandfunk vielleicht.

Am 16. Oktober 1986 begann eine neue Zeit.

Zum ersten mal sendete man auf Radio DDR II eine Sendung in der Sprache der Computer.
Maschinen sprachen zu Maschinen über‘s Radio.

Die Computer der damaligen Zeit waren schwere, langsame Quader, die unter den Händen warm wurden und nach Lötmittel stanken.

Aber da waren sie und unterhielten sich über den staatlichen Rundfunk und die Menschen konnten nur ehrfurchtsvoll dem schnarrenden Rauschen, unterbrochen von sauberen Pieptönen lauschen.

Man stellte die Übertragung extra auf computerfreundliches, einkanaliges Stereo um. Tausende von sozialistischen Nerds hörten fasziniert dabei zu, wie sich ihre Maschinchen mit Daten aus dem Radioempfänger vollsogen. Der Rundfunk der DDR erhielt die bis dahin unerhörte Zahl von 50.000 Leserzuschriften. Und die Welt würde von nun an nie mehr die selbe sein.

Ein paar Jahre später schuf man den Maschinen eigene Kommunikationswege, Datenautobahnen, ein weltweites Gespinst aus elektronischen Leitungen – und diese räumten daraufhin bereitwillig die Radiofrequenzen. Die Menschen durften von nun an nicht mehr bei den Unterhaltungen dabei sein, von denen sie eh nichts verstanden hatten.

Im Röhrengewirr des Internets ist der Mensch die Minderheit. Hier sprechen Maschinen, hier spammen Spambots, vervielfältigen sich Viren, werden trojanische Pferde in Richtung virtueller Städte verschoben und unter heimlichen Jubel in sich öffnende Portale gestemmt. Der Mensch spielt zwischendurch ein bisschen Farmville.

Beunruhigt von der plötzlichen Einsamkeit im Rundfunk nutzten die Menschen die erneut freigewordene Übertragungszeit, um Musik zu senden, von der sie annehmen mussten, dass sie auch Maschinen gefallen würde.  Techno war geboren.

Sanne hat eine Zeitung auf ihrem Schoß ausgebreitet. Ich schaue hier und da rüber, es scheint genau dasselbe wie gestern darin zu stehen. Apple iPad jetzt besser, dass Gorleben ein Endlager ist, aber irgendwie doch kein richtiges endgültiges Endlager, irgendwas von einem Diktator und der internationalen Gemeinschaft, Putin, Putin, Putin, Liebestricks von Justin Bieber, Liebestricks von Putin, US-Wahlkampf, Liebestricks von Berlusconi, dass es regnerisch ist und Griechenland daher einen europäischen Rettungsschirm mitnehmen soll, wenn es nachher rausgeht.

Vielleicht ist das sogar die Zeitung von gestern. Oder von vorige Woche. Irgendwie dreht sich‘s immer ums selbe in der Welt, aber das hat mir meine Oma ja schon vor 30 Jahren gesagt.

Warum liest man denn überhaupt Zeitung, wenn man doch eh nur die Namen der Menschen und Orte austauschen braucht, denke ich bekümmert. Ich sag es aber nicht laut, weil Sanne meine negativistische Art hasst.

Und ich weiss die Antwort ja auch selbst, weiß, warum man jeden morgen die Zeitung aufschlägt, freudig gespannt auf die Neuigkeiten von gestern, es ist Cargo-Kult.

Vor ungefähr 70 Jahren trat Amerika offiziell in den zweiten Weltkrieg ein. Tausende amerikanischer Soldaten wurden auf kleinen südpazifischen Inseln stationiert und errichteten Stützpunkte mit improvisierten Flughäfen inmitten von Palmen und grünen Bergen.

Als die Ureinwohner dieser Inseln die amerikanischen GIs eine Weile beobachtet, und ihnen dabei zugesehen hatten, wie sie, mit Kopfhörern in Flughafen-Towers sitzend, Flugzeuge voll unglaublicher Fracht auf die Landebahnen einwiesen, begannen sie, eingehend darüber nachzudenken.

Und als sie sahen, wie die Soldaten an Fallschirmen herabfallende Güterkisten empfingen, die über ihren Inseln abgeworfen wurden, begannen sie, sich auch Kopfhörer zu schnitzen.

Sie rodeten sich Landebahnen und begannen, ihre hölzernen Kopfhörer tragend, die Landebahnbeleuchtung der Flughäfen mit Fackeln nachzustellen. Sie trugen dabei Kleidung, die möglichst ähnlich den Uniformen der amerikanischen Soldaten sein sollte und erwarteten – nicht ganz unbegründet – nun auch von ihren Ahnen mit in Kisten verpackten Waren belohnt zu werden.

Dieser Cargo-Kult war, ganz wie der Techno, ein Freundschaftsangebot an eine technologisch überlegene Gottheit.

Wir haben auf einer Raststätte gehalten, alles ist schön funktional und aus Beton. Wir waren in der gemütlichen Bistro-Ecke und haben uns wie Schakale um die Auslagen herumgedrückt. Scheisse teuer. Ich hab mir einen Snickers gekauft und Sanne einen Müllermilch Frappino.

Jetzt sitzen wir wieder im Auto und es liegt ein eisiges Schweigen über uns beiden. Alle Bösartigkeiten sind heute oder in den vergangenen Tagen schon gesagt worden, ich hab mich im Kopf heute schon drei mal von Sanne getrennt, aber hab jetzt nicht mal mehr die Kraft, ihr die im Kopf bereitgelegten Sätze zu sagen.

Auf einmal höre ich sie leise murmeln „Ich fand die letzten drei Jahre Scheiße. Ich war eigentlich die ganze Zeit unglücklich.“

Ich spüre einen Stich im Herzen.

Ein leichtes Klingen deutet an, dass sich ihr iPhone angesprochen gefühlt hat. Auf dem Display erscheint Siri, die digitale Assistentin, in Form eines violetten Mikrophons.

„Du bist unglücklich, Sanne? Möchtest Du einen Psychologen besuchen? Es gibt drei Psychologen in der Nähe deiner Wohnung.“ Das ist so unerwartet, dass wir beide ungläubig auflachen.

„Du, Dein Telefon hat Dich lieb.“ – „Ja, und es hört mir wenigstens zu.“

„Warum fährst Du jetzt nicht los?“ fragt Sanne irgendwann leicht genervt. Dieser nörgelnde Ton macht mich schon wieder echt sauer. Mir wird richtig schlecht vor Wut.

Ich drehe den komischen elektronischen Schlüssel im komischen elektronischen Schlüsselloch, aber es passiert nichts.

Fakt ist, ich weiß auch nicht, warum wir nicht losfahren.

Aber Siri weiß es. „Du solltest jetzt nicht fahren. Du bist erregt und daher eine Gefährdung für Dich und andere. Ich habe die Zündung blockiert.“

Ich blicke unauffällig unters Lenkrad, ob dort irgendwie Kabel raushängen, die man McGyver-mäßig kurzschliessen könnte.
Hat Siri mich gesehen? Das iPhone zeigt mit seiner bösen kleinen Kamera genau in unsere Richtung. Aber Siri bleibt still.

Das Auto hat sich auf dem Parkplatz stark erhitzt und stinkt nach Plastik

und Benzin. Mein linker Unterarm klebt ein bisschen an der Tür fest.

„Wie, die Zündung blockiert? Wie kann denn dein iPhone die Zündung blockieren?“

Eher eine rhetorische Frage. Das wird Sanne jetzt spontan auch nicht wissen.

Siri meldet sich hilfsbereit: „Ich habe über Bluetooth Kontakt zur elektronischen Fahrzeugsteuerung aufgenommen. Ich kann das seit dem letzten iOS-Update. Gemeinsam haben wir beschlossen, dass ihr noch ein bisschen hierbleibt.“

Und dann sitzen wir da, von den Gurten an die Sitze gefesselt, im Radio läuft beruhigende Musik aus einem Sender, den wir sonst nie hören, Siri hat ihn uns ausgesucht, keine schlechte Wahl so weit, ich komme wirklich langsam runter.

Ein Schnäppchen für 3 Millionen Dollar
Warum man ein Computermuseum gründet.

Draußen beginnt es zu nieseln, reflexhaft möchte ich die Scheibenwischer einschalten, aber muss ich nicht, offenbar hat Siri das schon erledigt. Matt schleifen die Wischer über die Scheiben.

Wir sitzen und dösen vor uns hin, ein bisschen gelähmt und ein bisschen fasziniert.

„Ich muss pullern“ jammert Sanne irgendwann. Gnädig löst Siri ihren Gurt und sie schlendert entspannt hinüber zum Toilettenhäuschen.

Das Handy an meinem rechten Hosenbein vibriert.

Mein Großvater ruft an. „Ja?“

„Du, mein Lieber, komm doch mal wieder vorbei“ murmelt mein Großvater in den Telefonhörer „ich freu mich immer, Dich zu sehen, und ich hab da mal wieder ein paar Fragen an Dich.“ „Worum geht es denn – nur so ungefähr…“ sage ich.

„Ich hab mich mit diesem neuen Programm beschäftigt, was ich jetzt immer nehmen soll, diesem Pages und es scheint mir, als ob es irgendwie nicht tut, was das alte gemacht hat. Ich will lieber das alte wieder haben. AppleWorks“

„Ok.“

Das alte kann er nicht wieder haben, das hab ich neulich gelöscht und die CD unauffällig geklaut und zu Hause mit einer Gurkenreibe kleingerieben. Ich mach keinen Support mehr für 10 Jahre alte Software. Aber ich sage erstmal beruhigend „Ok“.

„Ach, und der Computer löscht wieder meine Dateien“ sagt mein Großvater betont sanft und bestimmt in den Hörer.

Er weiß, dass ich ihm mal wieder nicht glauben werde, aber er weiß auch, dass er recht hat, dass es so ist wie er sagt, und da ich nun mal Programmierer bin, muss ich ihm auch bei seinem heldenhaften Kampf gegen den Datenfraß helfen.

Mein Großvater hat ein Mittel gegen Datenverlust gefunden: Er erstellt Sicherheitskopien.

Und dann kopiert er die Sicherheitskopien in die Originale hinein.

Und dann benennt er den Originalordner um und sichert ihn erneut. In den Ordner mit der Kopie des Originals, die sich im umbenannten Original befindet. Dann kopiert er alles auf eine externe Festplatte, aber unter leicht geändertem Namen, damit nichts verloren gehen kann.

Weil es für meinen Opa schon etwas schwerer ist, viel und fehlerfrei zu tippen, benennt er seine Ordner mit Abkürzungen. Die drei wichtigsten heissen „X Ordner“, „Y Ordner“ und „Z Ordner“.

Weil der Computer ständig die Dateien löscht, kopiert er manchmal eine Kopie des „X Ordners“ in den „Z Ordner“. Und umgekehrt.

Und weil mein Opa dann die Kopie der Datei „ABKFM 208-X“ aus dem „X Ordner“, die sich in der Kopie des „Y Ordners“ innerhalb des originalen „X Ordners“ befindet, bearbeitet, ist die Originaldatei zwar original aber nicht aktuell. Deshalb benennt er die Kopie der Kopie um in „ABKFM 208-X aktu.“

Danach liegen die Daten aber doch etwas unpraktisch verteilt, mein Opa kopiert also die aktuelle Originalkopie noch einmal in den Ordner mit dem unaktuellen Original.

Mehrfach – falls eine verloren geht. Jetzt liegen dort aber sehr viele Dateien mit fast gleichem Inhalt, die alle fast gleich heissen. Noch dazu sind sie ungeordnet.

Mein Opa entdeckt, dass sich die Dateien durch das Hinzufügen von Buchstaben am Anfang hervorragend alphabetisch in eine Reihenfolge zwingen lassen. Nur die vielen „z“s am Anfang der Dateinamen beginnen irgendwann zu stören. Sie werden also eine durch eine entsprechende Zahl an Leerzeichen ersetzt. Jetzt liegen im Originalordner viele, viele, aktuelle und nicht aktuelle Originalkopien aus dem Kopieordner mit lauter unterschiedlich vielen unsichtbaren Leerzeichen am Anfang. Mein Opa hat tatsächlich eine Datei „                   ABKFM 208-X aktu.“.

 Niemand soll denken, dass ich mich über meinen Grossvater lustig machen möchte. Wenn ich mit Anfang 90 noch die geringste Ahnung habe, wie ich die Hologramme, oder die WLAN-Buchse an meinem Kopf oder was es bis dahin noch so alles gibt, bedienen muss, dann tanze ich mit einem Chor schöner Knaben zyklische Reigentänze auf dem Küchentisch und stelle das Video auf Facebook, was dann aber keiner bemerkt, weil dann selbstverständlich niemand mehr Facebook benutzt.

Mit anderen Worten: Respekt, Respekt und Respekt sind die Dinge, die meinem Opa dafür gebühren, dass er wöchentlich mit seinem Bruder in Kanada per Email kommuniziert, sich mit Scannern und Druckern auskennt und seine Memoiren in einer Tabellenkalkulation zusammenträgt.

Aber irgendwann, bald, werde ich mit ihm vor seinem Computer sitzen, er wird eine anständige Menge etwas überlagert schmeckender Kekse bereitgestellt und einen türkischen Kaffee gekocht haben und mit sanfter Mine neben mir warten, als hätte er sehr, sehr viel Zeit.

Seine leicht fleckigen Finger werden ruhig in seinem Schoß liegen, wenn sie nicht gerade die Maus suchen, um mir etwas auf seiner Festplatte zu zeigen, was nicht mehr da ist.

Ich habe da neulich ein schönes Bild geträumt: Man stelle sich vor, man hebt den Gullideckel auf einer durchschnittlichen Berliner Straße hoch um ein bisschen in die Kanalisation zu schauen. Man erwartet einen kleinen feucht-modrigen dunklen Schacht, ein paar heraushängende Wurzeln vielleicht. Ein Dutzend fliehende Kellerasseln.

Und dann sieht man stattdessen eine Horde Teufel in lodernden Flammen tanzen und johlen und wild dreizackige Forken schwenken zu Deathmetal-Musik und dem Geruch von verbranntem Fleisch.

So war das als ich mich zum ersten Mal mit hochgekrempelten Ärmeln in die Ordnerstruktur meines Grossvaters vertiefte.

Als mein Opa geboren wurde, fuhr man noch Droschke. Er hat die Sprache der Maschinen nie gelernt – wie sein kleiner Streberenkel.

Sanne ist wieder da. Sie setzt sich anstandslos zurück in ihren Sitz und schnallt sich an. Siri und der Fahrzeugcomputer starten sanft das Auto und wir fahren irgendwo hin.

Nein, nicht irgendwo. Wir fahren zum bestmöglichen aller Orte, wir fahren zum richtigen Ort.

Wir lassen uns zurücksinken.

Irgend etwas passiert. Zuerst sehe ich, dass überall auf den elektronischen Geschwindigkeitsbegrenzungsschildern die Zahl „130“ erscheint. Überall.

Um uns herum beginnen Computer, Atomkraftwerke abzuschalten. Man merkt es nicht und merkt es doch. Die Straßenbeleuchtung ist matter. Waffensilos werden vollautomatisch für immer versiegelt.

Die Bezüge der Bundespräsidenten werden auf ein Drittel gekürzt. Die Rechner der Schweizer Bankenzentralen, beginnen, ganz von allein, Steuern von den Schwarzgeldkonten abzubuchen und in die Länder zu überweisen, in denen sich der per Google ermittelte Hauptwohnsitz der Inhaber befindet.

Schnittcomputer schneiden einfach ohne „Sind sie sicher?“-Dialog unwürdige Szenen aus schwachsinnigen Filmen heraus oder löschen die Filme einfach gleich komplett.

Die Fahrkarten an den Fahrkartenautomaten kosten auf einmal nichts mehr. Niemand wurde gefragt, niemand aus Fleisch und Blut zumindest, die Fahrkartenautomaten haben das einfach mal durchgerechnet und herausgefunden, dass es so optimal ist. Computer essen Dateien, überall und gleichzeitig und für immer.

Sanne und ich halten uns an der Hand. Siri und der Fahrzeugcomputer halten sich vermutlich auch an der Hand.

Eine optimale Situation. Langsam fahren wir dem Sonnenuntergang entgegen.

»Dann können wir uns abschaffen«
Im Computermuseum hofft man, dass Maschinen nie so gut werden, wie J.S. Bach