Um auch junge Designer, welchen der nötige Groschen für einen kommerziellen Award fehlt, zu fördern, erschuf Juli Gudehus den »Ehrenpreis«.

Ein Preis, der Design jeder Art würdigt und besonders die kleinen Dinge des Lebens, die man nicht bewusst als Design wahrnimmt, groß rausbringen möchte. Juli Gudehus liegen dabei vor allem die unbekannten Designer am Herzen, welche ihr ganzes Herzblut in ihr Projekt stecken. Die erste Verleihung findet im Frühling 2013 statt.

1. Mittlerweile gibt es eine Menge Preise für Designleistungen. Warum ist der Ehrenpreis nicht nur einer von Vielen?

Der Ehrenpreis ist nicht nur nicht einer von Vielen, er ist geradezu die Birne unter den Äpfeln. Er lässt sich mit anderen Designpreisen kaum vergleichen. Er will was anderes und kann was anderes.

Der Preis an sich, ist gewissermaßen die Spitze eines Eisbergs. Unter der Oberfläche geschieht etwas noch viel Interessanteres, als dass Arbeiten ausgezeichnet werden: es wird über die Qualität gestalterischer Arbeiten diskutiert! En gros und en detail. Der Ehrenpreis bringt Gestalter, Auftraggeber und Nutzer miteinander ins Gespräch. Auf Dauer entsteht auf der Ehrenpreis-Website sukzessive eine Art Schaulager und Argumentationsdatenbank zum Thema Gestaltung. Das ist das Spannende. Und das ist längst noch nicht alles.

2. Aus welcher Kraft heraus entwickelt man einen »eigenen« Preis?

Ihr stellt Fragen! Aber um ehrlich zu sein: das frage ich mich mittlerweile auch.

Mein Entschluss war in etwa vergleichbar mit dem Impuls, in ein vor mir liegendes, in der Sonne glitzerndes, verlockendes weites Meer mit Anlauf reinzuspringen, kopfüber. Um dann festzustellen, dass das Wasser ganz schön frisch ist und das Ziel ganz schön weit entfernt.

Es gibt in dem Kinofilm »Gattaca« eine Szene, wo der Held mit seinem Bruder bei Nacht auf die offene, stürmische See hinausschwimmt. Ein Wettschwimmen zwischen dem Bruder, dem pränatal alles genetisch Gute geschenkt wurde und dem Helden, der »natürlich« gezeugt wurde und der allein aus seinem Willen heraus schöpft. Als sie schon sehr weit draußen sind, gibt der Bruder auf und will zurückschwimmen. Und er fragt den Helden, wie er alles bisherige in seinem Leben überhaupt schaffen konnte. Und der Held antwortet: »Weil ich mir nie Kraft für den Rückweg aufgespart habe.«

Das ist mir sehr nahe gegangen. Der Film ist übrigens überhaupt ganz phantastisch.

Mit meinem jüngsten, abgeschlossenen Projekt, dem »Lesikon der visuellen Kommunikation«, ein 3.000-Seiten-Wälzer, an dem ich 9 Jahre gearbeitet habe, habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich offenbar eine innere Stärke besitze (finde ich als Begriff treffender als »Kraft«), die unmittelbar mit meinem Willen gekoppelt ist. Sobald ich die innere Überzeugung habe, stellen sich bei mir offenbar auch die notwendigen Kräfte ein.

Im Augenblick, nach bereits vier Monaten Vollzeit-Engagement in der Gründungsphase des Ehrenpreises bin ich übrigens heilfroh, dass mir mittlerweile eine ganze Reihe weiterer Leute zur Seite stehen und aus Überzeugung heraus Kraft und Zeit investieren.

So ist dieser Preis schon jetzt gar nicht mehr »mein« Preis, er kriegt eine Eigendynamik. Das spricht sehr für die Sache, finde ich.

3. Viele Designpreise beziehen eine erhebliche Teilnehmergebühr um diesen überhaupt erst möglich zu machen. Wie werden Sie dies beim Ehrenpreis handhaben und warum gibt es diese Gebühr bei Ihnen nicht?

Für kommerzielle Designpreise Geld zu bezahlen, ist meiner Meinung nach jedermanns Privatsache. Für viele Gestalter ist es ein Marketinginstrument. Das finde ich vollkommen legitim.

Aber dass auch unser Staat für seinen Designpreis Geld verlangt, ist in meinen Augen keine Privatsache, sondern ein öffentlicher Skandal. Das offenbart, was unser Staat von unserer Disziplin in Wahrheit hält. Dieser Preis ist keine Würdigung, sondern eine Beleidigung. Für das Bundesverdienstkreuz zahlt auch keiner derer, die es verliehen bekommen, und das ist auch ganz richtig so. Keine Gebühr zu verlangen, war insofern ein wesentlicher Anlass für die Entstehung des Ehrenpreises. Hinzu kamen weitere Gedanken dieser Art, nämlich: was fehlt, was könnte besser sein, was wäre spannend?

Inzwischen ist das Thema Gebührenfreiheit im Gesamtgefüge dieses Vorhabens sehr in den Hintergrund gerückt. »Ehre wem Ehre, aber ohne Gebühr« – das ist ein schöner Slogan, interessiert jedoch eigentlich nur die Gestalter. Deren Arbeiten werden allerdings beim Ehrenpreis von anderen vorgeschlagen, die nicht notwendigerweise mit Design zu tun haben. Und die dürften die Vorstellung einer Gebühr vermutlich absurd finden.

Dennoch: auch wir brauchen Geld.

Allein die Gründungskosten sind mit einer Website vom Kaliber wie ebay oder facebook schwindelerregend. Davon unabhängig ist die Organisation eines Designpreises dauerhaft mit erheblichem Zeitaufwand und Kosten verbunden. Derzeit investiert zusammen mit mir, über ein Dutzend Mitwirkende enorm viel Zeit in die Entwicklung des Ehrenpreises – in der fröhlichen Überzeugung, etwas Wichtiges und Gutes zu erschaffen und ein bisschen die Welt zu verbessern. Das tun wir jeder auf eigenes Risiko und in der Hoffnung, später durch Sponsoren oder und Fördermittel honoriert zu werden.

Auf der Website wird es ab Herbst einen einfachen PayPal-Spendebutton geben. Damit können die Gestalter zum Ausdruck bringen, dass sie das Vorhaben nicht nur ideell, sondern auch finanziell mittragen. Der Preis kommt ihnen nämlich langfristig zugute, indem die Gesellschaft mehr davon erfährt, was sie eigentlich tun und warum sie ein angemessenes Honorar verdienen. Und diejenigen, für die wir gestalten, können mit ihrer Spende ihre Freude und Dankbarkeit für gestalterisch gut Gelungenes zeigen.

Der Ehrenpreis hält aber die Preisträger nicht nur von Kosten frei, sondern will dafür sorgen, dass sie außer der reinen Ehre auch Preisgelder erhalten, mit denen sie im Idealfall eine Weile lang unabhängig forschen und Neues entwickeln können.

4. Auf Ihrer Webseite wird Jedermann beliebige Designprojekte für den Preis vorschlagen können. Welche Kriterien müssen diese Projekte erfüllen, kann man auch eigene Projekte vorschlagen und ist ein Missbrauch dieser Funktion nicht wahrscheinlich?

Die vorgeschlagenen Arbeiten müssen nur zwei Kriterien erfüllen: sie müssen in die Kategorie passen, für die sie vorgeschlagen werden und sie müssen genau das Gegenteil von »beliebig« sein, nämlich – aus Sicht der vorschlagenden »Paten« – schlichtweg großartig.

Sowohl der Pate als auch der Urheber der Arbeit sind aufgefordert, sich schriftlich dazu zu äußern. Beide werden namentlich genannt. Wenn das ein und dieselbe Person ist, ist das also erkennbar.

Wem das peinlich ist und wer deshalb einen Strohmann engagiert, darf das meinetwegen tun. Ich habe nichts dagegen, eigene Arbeiten toll zu finden. Ich finde auch eigene Arbeiten toll. Und ich finde das nicht ehrenrührig. Ich würde das nicht als Missbrauch bezeichnen. Ob es dann auch ausgezeichnet wird, ist ja damit noch nicht gesagt.

Liebes Tagebuch…
Was sagt Achim Schaffrinna, Inhaber des Blogs »Designtagebuch« zum Thema Awards?

5. Welche Methoden der Qualitätskontrolle halten Sie für nötig, um Projekte glaubhaft zu bewerten?

Hundertprozentige Objektivität gibt es nicht, auch nicht in den Naturwissenschaften, noch nicht einmal in der Mathematik. Der Umkehrschluss, dass es bei Gestaltung hundertprozentig um Subjektivität geht, ist allerdings auch falsch. Es ist nur so, das es hier viel weniger substantiell Messbares und qualitativ Quantifizierbares gibt. Es gibt einfach kein Thermometer oder Maßband, auf dessen Skala man einen Wert ablesen könnte.

Umso wichtiger ist ein guter Diskurs und umso wichtiger, dass an diesem Diskurs sympathische und integre Leute teilnehmen, die nicht nur selbst anerkanntermaßen gute Arbeiten machen, sondern die leidenschaftlich und offen sind, eine klare Haltung haben und einen kritischen, wachen, beweglichen Geist. Und die in der Lage sind, ihre Wahrnehmung und Einschätzung sprachlich zum Ausdruck zu bringen.

Der Diskurs ist eine Sache, das Urteil eine andere. Wer darf sich anmaßen, über Gestaltung und über Qualität in der Gestaltung zu urteilen? Auf jeden Fall wohl diejenigen, die um ihr Urteil gebeten wurden. Das ist beim Ehrenpreis implizit der Fall, denn bevor hier ein Vorschlag überhaupt zu sehen ist, bedarf es der Zustimmung der Urheber. Das heißt, diese sind darüber im Bilde, dass die Beurteilung, Nominierung und Auszeichnung ihrer Arbeit durch hochkarätige Persönlichkeiten aus den verschiedensten Gestaltungsdisziplinen erfolgt. Parallel dazu sind unzählige andere, nicht als Fachleute ausgewiesene Besucher der Website eingeladen, vorgeschlagene Arbeiten zu kommentieren, zu diskutieren und für den Publikumspreis zu empfehlen.

Der Ehrenpreis versteht sich entsprechend nicht als absolute Instanz, sondern wirft ein temporäres Schlaglicht. Das eigentliche Ziel ist also nicht die Auszeichnung, sondern der Weg dahin, der Diskurs. Dafür bedarf es der Bereitschaft von Gestaltern, Auftraggebern und Rezipienten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Und darauf freuen wir uns.

6. Für wen wurde der Preis entwickelt?

Der Ehrenpreis richtet sich an diejenigen, für die gestaltet wird. Also an uns alle! Unsere Disziplin ist mit circa 150 Jahren noch jung, aber mittlerweile ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil unseres Lebens. Dennoch wird Gestaltung als eigenständige Kulturleistung noch nicht im entferntesten so wahrgenommen – geschweige denn so gewürdigt – wie andere Kulturleistungen, wie zum Beispiel Literatur oder Musik. Die Zeit ist reif dafür.

Der Ehrenpreis soll vor allem selbständigen Gestaltern aller Disziplinen zugute kommen, solchen, die als Autoren / Erfinder aus eigenem Antrieb arbeiten, tendenziell den Unbekannten, Jungen.

7. Oft sieht man Kategorien wie »Haushalt«, »Küche«, »Werbung» oder »Verpackung«, Ihren Preis hingegen gewinnt man unter anderem für »Arbeiten, die sich mit einem besonders unliebsamen oder und delikaten Thema befassen«. Warum verzichten Sie auf die Klassiker und wählten gerade diese abstrakten Kategorien?

Findet Ihr das abstrakt? Konkreter geht es doch gar nicht! Stellt Euch ein solches »unliebsames Thema« doch mal vor. Mir fallen da reihenweise welche ein. Tod zum Beispiel. Fäkalien. Behinderung. Psychische Krankheiten. Steuern. Kaum ein (guter) Gestalter scheint Lust zu haben, sich damit zu befassen. Das meiste, was es in diesen Bereichen gibt, ist schlimm, ganz ganz schlimm. Um mal beim Thema »Tod« zu bleiben: schlimme Todesanzeigen, schlimme Grabmale, schlimme Särge, schlimme Urnen, man möchte weinen, weil alles so hässlich ist, so schlimm.

Huch, wenn man ein Wort so oft sagt, klingt es auf einmal ganz komisch. Schlimm.

Also … diese sieben Kategorien sind ein Filter. Sie sorgen dafür, dass an gestalterischen Arbeiten deutlich weniger die Ästhetik wahrgenommen wird und deutlich mehr die Auswirkung auf unser Leben und unser menschliches Miteinander.

Diese Kategorien sind ein Instrument, um dem leidigen Klischee des Gestalters als Oberflächenverhübscher etwas Handfestes entgegenzusetzen.

Das kann durchaus ein Klassiker werden.

8. Der Ehrenpreis kann in jeder Kategorie mehrmals vergeben werden. Gibt es ein Limit nach oben hin und steigt dieses mit der Zahl der eingereichten Projekte? Wie hoch wird die Gewinnchance sein?

Gewinnchance … mag ich nicht so als Wort. Das klingt für mich nach Jahrmarkt oder Lotto.

Ja, es gibt ein Limit nach oben hin. Aus sämtlichen Vorschlägen, egal wieviele, werden 28 Gutachter je maximal zwei Arbeiten nominieren und ihre Entscheidung schriftlich begründen. Die Jury bekommt also maximal 56 Arbeiten vorgelegt. Ob von diesen alle oder keiner ausgezeichnet werden oder wenige oder viele, das entscheiden die 7 Juroren.

9. Wie sehen Sie die Entwicklung von Auszeichnungen wie dem »Red Dot« und dem »iF Design Award« in den nächsten Jahren und wie würden Sie sich diese wünschen?

Ach Gott, das interessiert mich eigentlich nicht so sehr. Ich wünsche den kommerziellen Anbietern von Designpreisen alles Gute.

Ich gebe allerdings die Hoffnung nicht auf, dass unser Staat sich in den nächsten Jahren eines Besseren besinnt. Der Ehrenpreis ist auf jeden Fall zu Gesprächen und zur Zusammenarbeit bereit.

Apropos Wünsche:

Für eine mit dem Ehrenpreis verbundene, ehrenamtliche und wichtige Aufgabe suchen wir noch einige der engagiertesten und begeisterungsfähigsten Studenten Deutschlands. 20 Studenten aus Augsburg, Berlin, Bremen, Halle, Karlsruhe, Mainz, Münster, Pforzheim, Wiesbaden und Wuppertal sind schon an Bord (und eine deutsche Studentin, die gerade in Paris lebt). 28 sollen es insgesamt sein … Wink mit dem Zaunpfahl …

»Ich musste meinen Bruder anpumpen«
Christian Hanke über seine Erfahrungen mit der Marke reddot