Das Stück hat noch gar nicht angefangen, und genauer gesagt wird es ja gar kein Stück, sondern eine »Actionlesung« sein, da reden sich die Leute im Ballhaus Ost im Treppenhaus zwischen Bar und Zuschauerraum schon mal warm für die große »Wow, toll – Heidi und die «-Show: »Ich freu mich so, dass du da bist!« flötet da eine Frau ein paar Bierflaschen hinter mir zu ihrer Bekannten. »Ja!«, ruft die zurück, »ich freu mich auch so, dass ich da bin!« Hinzufügend: »Warum bist Du eigentlich da?« – »Weil ich (Name unverständlich) so TOLL finde!«

Noch ist die analoge Welt ein urheberrechtliches Piratenparadies, überall fliegen solche Sätze frei herum und können einfach so aufgeschnappt und wiederverwertet werden. Die manchmal unverhoffte Tiefe solcher Fundstücke, na gut: meist eher ihr dadaistischer Glanz, fällt allerdings oft erst dann auf, wenn sie ein geduldiger Mensch aufschreibt.

Wir wussten es ja: Fernsehen ist die Hölle

Und so musste das 2011er Finale von Heidi Klums Mädchenverwertungssendung »Germany’s Next Top Model« erst von den zwei sonst fernsehabstinenten Berliner Kommunikationsdesign-Studenten Gregor Weichbrodt und Grischa Stanjek Wort für Wort abgetippt (»es war die Hölle«) und im legendären gelben Reclam-Layout zum hochkulturell aufgeladenen Fetisch mit dem Titel »Das ist der Tag, von dem ihr noch euern Enkelkindern erzählen werdet« komprimiert werden, bis dieses tatsächlich als Drama zu bezeichnende Textkonvolut über diesen Umweg und nach einem hochaufgeregten Medienecho vom fernen Bochumer »ROTTSTR5 Theater« im Februar auf die Bühne gebracht wurde. Die offenbar noch immer ganz super toll aufgelegte Truppe gastiert nun kurz in Prenzlauer Berg, die »Casting-Allee« nur ein paar Plateausohlen weit entfernt.

Mein Gott, hier fehlt ein »C«
Das Buch im Detail.

Plump in Pumps

Die drei Finalistinnen: Jungs in ausgeleierten Shorts und Stöckelschuhen (Moritz Gwiasda, Timur Isik, Jan Zygiel). Björn Geske als schlimm ans Original reichender, in schwarzrotgoldene Kunstfaser gepresster Jorge hopst hochhackig herum und ruft, natürlich, »Hola Chicas«. Schön gegen den Strich gebürstete, dann aber wieder arg naheliegende Verstolperungen hat sich Honke Rambow für seine »szenische Einrichtung« da so überlegt (von »Inszenierung« will man offenbar nicht sprechen, das überlässt man dem Original): In pinkfarbener Vorhang- und Tischdecken-Deko als schäbig aufgeblasener Version eines Mädchenzimmers verpasst Nermina Kukic ihrer hartherzigen Heidi die genial spöttische Tonlage Desirée Nicks, eine Discokugel hängt unentschlossen da.

So kichern, rauchen und trinken sich die mit ihren Textheften und Rollen nur halb »so wusch, wusch« (Heidi) durch Klum-Mantren wie »Es kann nur eine Germany’s Next Topmodel werden« oder »Bääääm« und machen mehr als deutlich, wie irre sie ja auf jeden Fall selbst diese komischen Wort-Insekten finden. In abgewetzten Sofas lümmelnd halten die Mitspieler Schilder mit »SUPER«, »TOLL« und »WOW« relativ gelangweilt hoch und werden live frisiert. Max Kühlem als Erzähler verliest leidenschaftslos, was zwischen den Dialogen passiert: »Popmusik«. Oder: »traurige Popmusik«. Oder: »Heidi küsst Thomas.« Sympathisch fahrig werden die Anweisungen mal umgesetzt, mal angedeutet oder auch mal nicht weiter zur Kenntnis genommen. Werbeunterbrechungen, im Buch durch abstrakte Schwarzweiß-Fotografie eher meditativ konterkariert, gibt es hier in Form einer halbherzig mit Nüsschen und Waffeln wedelnden Snack-Verkäuferin.

Lady Gaga ist so geboren

Höhepunkt der knapp zweistündigen Lese-Revue ist dann tatsächlich die ständig von Heidi hysterisch angekündigte Lady Gaga. Als ihr glatzköpfiger Darsteller Christian Krautien (von ihm stammt auch das wunderbar gespenstische Video aus angeschnittenen, buchstäblich gesichtslosen »GNTM«-Aufnahmen, das im Bühnen-Fernseher läuft) den deutschen Text von »Born This Way« vorträgt, entsteht inmitten der fröhlichen Kaspereien plötzlich doch so etwas wie ein großer Theater-Augenblick zwischen Trauer, Komik und Absurdität. Trotzdem: Über den Charme einer angeschickerten Leseprobe kommt das alles nicht wirklich hinaus.

Fragt sich, warum sich das dem Karneval eher abholde Prenzlauer Berger Publikum derart wegschmeißt vor Lachen. Kennen die Leute das TV-Original nicht? Oder sind sie jetzt plötzlich überrascht von dem Menschen und Grammatik verachtenden Ausmaß des Personalmanager- und Prostituiertensprech-Blödsinns, der ihnen bei dieser Show bisher entgangen sein mag und der jetzt, aufgewertet als Theater, endlich schuldlos belacht werden kann? Indes ist nie ganz klar auszumachen, wo die Macht vernichtenden Lachens anfängt, wo die systemerhaltende Kraft allgemeinen Gegiggels – und wo die Grenzen wildgewordener oder allzu zahmer Interpretation verlaufen.

Die Hochkultur liebt Null-Texte

Wohl deshalb – um noch ein bisschen über den Interpretations-Catwalk zu rennen – hat die spaßskeptische deutsche Hochkultur ja die Tradition hervorgebracht, sich ernsthaft an Null-Texten abzuarbeiten. Loriot las einst mit abgeklärter Miene einen Zugfahrplan, Peter Handke verfertigte ohne jede Witz-Absicht ein Gedicht aus der bloßen Aufstellung einer Fußballmannschaft, und an der Volksbühne berauschen sich die Zuschauer derzeit an Herbert Fritschs »Murmel, Murmel«-Inszenierung. »Wow, toll – Heidi und die Chicas« fügt sich insofern erst mal gut in die Reihe solch disparater Ready Mades.

Das Problem von »Wow, toll« ist jedoch, dass die Lesung das Gespött, das diese Show ohnehin auf sich zieht, bloß potenziert. Die Reclam-Buchidee zündete, weil sie das Billige mit dem Klassischen, das Lächerliche mit dem Erhabenen, das Übertriebene mit dem Puristischen paarte, nicht aber dem Billigen und Lächerlichen und Übertriebenen noch eins draufsetzte. Möge diese spaßige Arbeit noch reifen! Vorstellbar wäre dann tatsächlich ein Abend, »von dem ihr noch euern Enkelkindern erzählen werdet«, und das sollte dann durchaus auch als Drohung zu verstehen sein.

Drama, Baby!
Das Theaterstück zum Buch