Heißes Plastik und staubige Luft

Seltsam … riecht es hier. Nach heißem Plastik und staubiger Luft. Verbrauchte Luft. Nicht geatmet, irgendwie nur benutzt. Von Minute zu Minute wird es wärmer, dabei bin ich erst seit Kurzem hier. Ich finde mich in dem Raum nicht zurecht und schiebe mich von einer Ecke in die Andere.

Ein Summen bohrt sich durch den Raum und in mein Ohr. Es ist so monoton, dass ich nach kurzer Zeit über einen Hörfehler nachdenke. Doch das Summen wird unterbrochen durch ein Rattern. Oder eher ein Murmeln? Ein nachdenkliches Murmeln?!

Eine Menge riesiger, grauer Kisten starren mich aus jedem Winkel des Raumes an. Gelangweilt stehen sie herum und warten. Sie warten darauf, dass sich hinter ihrem millimeterdickem Glas die tiefe, dunkle, schwarze Leere mit einer Aufgabe füllt.

Ich muss hier raus! … In meinem Kopf baut sich ein Angebot an möglichen Ausreden auf, wie in einem riesigen amerikanischen Supermarkt. Wenn ich clever bin, suche ich mir jetzt sofort das günstigste Angebot heraus und mach mich aus dem Staub.

Nein, so geht das nicht. Ich beschließe, mich der Herausforderung zu stellen und rede mir ein, dass ich ohnehin nichts Besseres vorgehabt hätte. Außerdem würde ich schon einmal gerne wissen wollen, wie dieses Ding, mit dem ich mir schon die eine oder andere Nacht um die Ohren geschlagen habe, auf meinen Schreibtisch kommt. Gut, also wie mein Computer auf den Schreibtisch gekommen ist, weiß ich selbstverständlich, schließlich habe ich ihn gekauft, aber wer sind denn die Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großeltern meiner geliebten Apfelkiste?

Der erste Computer war ein Mensch

Herr Feige, der sich für das Computermuseum verantwortlich fühlt, ist sofort in seinem Element und ich versuche mit seinen Gedanken Schritt zu halten. Doch ich komme mir dabei oft vor wie ein Kurzstreckenläufer, der versucht einen Marathon zu bewältigen. Er erzählt mir von den wichtigsten Etappen des Computerzeitalters und ich versuche mir vorzustellen, was das für eine Zeit war, in der Computergeschichte geschrieben wurde.

Der erste Computer war ein Mensch. Seit etwa 1100 v. Chr. schieben Menschen kleine Holzkugeln auf Metallstäben hin und her, um zu rechnen. Wem man das zu verdanken hatte, ist nicht ganz klar, sicher ist nur, dass sich der Abakus, von der Antike, über das Mittelalter, bis zum Anfang der Neuzeit bewährt hat. Dort findet der englische Begriff Computer seinen Ursprung. Denn seit dem Mittelalter bezeichnete man so einen Menschen, der mit langwierigen mathematischen Rechnungen beschäftigt war.

Computergeschichte
von der Holzkugel zum Hochglanzdisplay

Ziel der weiteren Entwicklung war es eigentlich den Beruf des Computers – also des menschlichen Rechners – zu optimieren. Alles sollte leichter, schneller und fehlerfrei zu berechnen sein. Ob man den Menschen dadurch entbehrlich oder sogar ersetzbar machte?

27 Tonnen schwer und 10×17 Meter groß, war der Riese aus Metall und Plastik, welcher von J. Presper Eckert und John W. Maucely, 3046 Jahre nach der Erfindung des Abakus, entwickelt wurde. Der ENIAC war 1946 der erste Röhrenrechner und konnte addieren, subtrahieren, multiplizieren, dividieren und Quadratwurzeln ziehen. Dennoch leistete er aus heutiger Sicht weniger als ein moderner Taschenrechner und kostete 3 Mio. Dollar. Ein »Schnäppchen«, welches zudem langsam lief und viel Energie verschwendete.

Herr Oßwald, der Gründer des Computermuseums, erinnert sich noch genau, wie auch er an einem Großrechner das »Rechnen« lernte. Er musste lange Formeln für sein Studium bearbeiten und wollte sich mit dem Großrechner das Leben etwas leichter machen. Doch damals war es etwas Besonderes, an solch einem Computer arbeiten zu dürfen und sich damit überhaupt auszukennen. Seit dem Moment wurde der Computer für Rüger Oßwald zum Arbeitsmittelpunkt und entwickelte sich mit den Jahren zu einer Leidenschaft. Dieses Gefühl und das Verständnis für die Computerentwicklung wollte er durch die Gründung des Museums weitergeben. Es sei dabei wie bei einer Lokomotive, so erklärt Herr Oßwald. Bei den modernen Zügen säße einfach jemand vorne drin, würde den Hebel betätigen und »jjjjjjjj….«, schon würde sie los fahren. Doch bei einer Lokomotive könne man noch sehen wie sie funktioniert. Man würde alles optisch sehen, fühlen und manchmal auch riechen können, eben wie im Computermuseum.

»Die vier Reiter der Netzapokalypse.«
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Eine Waschmaschine ist auch kein Problem

Die Entwicklung von der Röhre zum Chip vermitteln mir zwei Männer, die es ebenfalls selbst miterleben durften. X und Y gehören mittlerweile zu einer seltenen Spezies, die noch selbst Hand anlegen können, wenn ein Bauteil mal nicht mehr will. Schon in ihrer Kindheit bastelten sie an Radios und Selbstbaukästen für Computer herum. Heute helfen sie dabei, die alten Kisten des Computermuseums wieder zum Murmeln zu bringen. Die Leidenschaft ist immer noch dieselbe, mit der sie als kleine Jungen ihre ersten Radioempfänger vom Freund der Schwester wieder zusammen gebastelt haben. Fühlen können wir das heute nicht mehr. Wie es war, als sich die gesamte Computer-, Radio- und Fernsehtechnik entwickelte. Als man zur Benutzung eines Computers in eine Bibliothek gehen musste und der Rechner riesengroß war, obwohl er nicht mehr konnte als ein Taschenrechner. Als es nur zwei Stunden Fernsehprogramm pro Tag gab und aus Schwarz und Weiß plötzlich Farbe wurde. Wie aufregend und spannend es gewesen sein muss, als sich Anfang der 60er Jahre die Technik rasend entwickelte. Ein Lächeln können sich die Beiden nicht verkneifen, als sie stolz berichten, dass es egal sei, was man repariert. Wenn man einen Computer zusammenbauen könne, dann sei eine Waschmaschine auch kein Problem.

Ja oder Nein

Man sieht, noch sind wir nicht ersetzbar, denn jede neue Entwicklung braucht Jemanden oder Einige, die sie vorantreiben und weiter vermitteln. Doch weil man das nicht allein schaffen kann, muss man sich der Erfahrung und der Errungenschaften bereits vergangener »Semester« bedienen. Sonst wird das nie was mit der Million.

Das Letzte, was mir die Vier auf den Weg geben ist der Satz: Es gibt nur »Ja« oder »Nein«.

Mir wird klar, dass die weisen Männer Recht behalten werden, denn »Gestalten heißt Entscheidungen treffen« und damit steht und fällt alles auf null oder eins, aus oder an.